Es waren einmal zwei Brüder, die lebten zusammen mit ihren Familien in einem Haus. Die zwei Brüder arbeiteten gemeinsam auf ihren Feldern, sie bauten Getreide an, das sie verkauften und sie teilten sich den Erlös gerecht auf. Eines Tages aber begannen sie miteinander zu streiten, bis sie schließlich nicht mehr zusammenleben wollten. So zog der eine Bruder mit seiner Familie in das Dorf auf der anderen Seite des Flusses.
Eines Tages kam ein Mann in das Dorf, in dem der ältere Bruder wohnte. Er war auf der Suche nach Arbeit. Der ältere Bruder erzählte ihm von dem großen Streit und er beschwerte sich über seinen jüngeren Bruder. Er sagte dem Arbeiter, er solle so schnell wie möglich eine Mauer zwischen den beiden Häusern bauen. Er brachte ihm das Arbeitsmaterial und gab ihm den Auftrag, gleich mit der Arbeit zu beginnen. Er selbst wolle für zwei Wochen in die Stadt fahren und nach seiner Rückkehr die Mauer fertiggestellt sehen.
Der ältere Bruder reiste ab und der Arbeiter begann, eine Brücke vom Haus des älteren Bruders über den Fluss bis hin zum Haus des jüngeren Bruders zu bauen. Als der ältere Bruder von seiner Reise aus der Stadt zurückkehrte, war er erstaunt, als er eine Brücke anstelle der Mauer sah.
Als der jüngere Bruder die Brücke entdeckte, ging er gleich zu seinem älteren Bruder und glücklich sagte er: “Ich bin erstaunt, das ist eine sehr schöne Geste von dir. Ich habe dich nicht so respektiert, wie es ein jüngerer Bruder tun sollte, aber du hast dich um mich gekümmert und mir diese Brücke gebaut.”
So zogen die beiden Brüder wieder zusammen. Die Brüder fragten den Arbeiter, ob er bei ihnen bleiben wolle. Sie sagten: “Wir haben mehr Arbeit für dich, lebe doch bei uns, du hast uns schließlich nach einer so langen Zeit wieder vereint!” Aber der Arbeiter lehnte ab: “Ich muss weiter ziehen und auch für all die anderen Menschen Brücken bauen, die der Streit voneinander getrennt hat.”
Es gibt viele Brücken, vielleicht auch in Ihrer Nähe: Aus Holz, Stein oder Metall, alt oder neu. Brücken strecken sich als Verbindungswege über Flüsse, Täler oder Straßen und vereinen Menschen, Landschaften, Kulturen. Brücken überwinden Grenzen und führen zusammen. Sie machen Verbindungen möglich, wo vorher keine waren.
Brücken können auch symbolisch verstanden werden. Auch wenn das Wort „Brücke“ nirgends in der Bibel vorkommt, so ist sie doch voll von Brückenbaugeschichten: Jakob und Esau, die sich die Hände reichen; die Regenbogenbrücke, die Gott zur Erde hin baut; die offenen Arme im Gleichnis vom barmherzigen Vater. Auch d a s Gebet ist eine g r o ß e , unsichtbare Verbindungsbrücke zwischen Menschen und Gott.
Aber Brücken entstehen nicht von selbst: Man muss sie planen und bauen, sonst bleiben Menschen getrennt, Völker bleiben einander fremd und ganz neue Möglichkeiten bleiben unbekannt.
In den Worten von Pfarrer Michael Thein: „Brücken sind auch die Orte mit offenen Türen, wo Menschen willkommen sind. Brücken, das sind auch die Wege der Kommunikation, der Begegnung: die Füße, die aufeinander zugehen; die Hände, die man sich reicht; die Augen, die sich treffen; die Ohren, die man einander leiht; der Mund, der ein Lächeln übrig hat; das gesprochene Wort von Mensch zu Mensch.“
Wir müssen die Brücke aber bauen wollen und jeder Pfeiler muss gesetzt werden. Ganz langsam wächst sie dann, die Brücke der Verständigung, die Brücke des Friedens. Wir können die Brücken bauen zwischen den Menschen in einer Gemeinde: zwischen den Alten und den Jungen, die miteinander im selben Gottesdienst sitzen; zwischen der Kirchengemeinde und denen, die sich von ihr gelöst haben. Brücken bauen auch zwischen Gemeinden: einer den anderen einladen, die Gaben anderer erkennen und nicht alles selber machen wollen.
Brücken werden manchmal wackelig oder stürzen ein – das kann auch mit Beziehungen zwischen Menschen passieren. Viele machen die Erfahrung, dass Freundschaften zerbrechen, dass Mitglieder der Familie oder der Gemeinde sich streiten, dass Schuld und Leid entstehen – so werden Brücken zerstört. Aber sie können wieder aufgebaut werden! Der erste Schritt zur Versöhnung ist die Vergebung. Die Hand zur Versöhnung reichen, einen Schritt auf den anderen zugehen, ihm ein freundliches Wort zusprechen. Diese Brücke überbrückt tiefe Gräben und bringt Menschen wieder zusammen.
Jesus selbst ist diesen Weg der Versöhnung für uns gegangen. Er hat eine Verbindung zwischen Gott und den Menschen geschaffen, wo keine mehr war. Auf dem festen Grund dieser Brücke, die Christus gebaut hat, lasst uns weitermachen: Brücken bauen von Mensch zu Mensch, da wo wir uns befinden.
Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen, gib mir den Mut zum ersten Schritt. Lass mich auf deine Brücke trauen, und wenn ich gehe, geh du mit (aus einem Lied von K. Rommel).

Pfarrer
Jaime Jung