Mich berührt die Geschichte vom Zöllner Zachäus (Lukas 19,5). Jesus lädt ihn ein: „Steig herab, heute will ich in deinem Haus sein.“ Zachäus war ein korrupter und reicher Mensch. Doch die Einladung Jesu änderte sein Leben. Zachäus stieg aus Neugierde auf einen Maulbeerfeigenbaum, um zu sehen, was es mit diesem Mann aus Nazareth auf sich hat. Er rechnete nicht mit der Einladung Jesu. „Und er stieg eilends herab und nahm ihn auf mit Freuden“ (V.6). Jesu Angebot ist: „Ich will dir Sinn, Gegenwart, Wärme, Geborgenheit geben, wie auch immer deine Lebenslage ist.“ Gegen das Murren derer, die auf das Gesetz pochen und von der Weite der Liebe Gottes, auch für Geächtete, nichts wissen wollen, kehrt Jesus in das Haus des Zachäus ein. Zachäus beginnt sein korruptes Leben zu ändern, indem er verspricht, die Hälfte seines Reichtums den Armen zu geben und das widerrechtlich erworbene Geld vierfach zu erstatten. Doch dieses Versprechen ist nur Konsequenz der Erfahrung der Zuneigung Gottes.
Zwei Wörter in dieser Begegnung Jesu mit Zachäus sind von Bedeutung: Das „Heute“ und das „Haus“. Ich will heute in deinem Haus sein. Das Leben heute leben. Heute, nicht von gestern leben und auch nicht nur von morgen träumen. „Nichts ist so wichtig wie der heutige Tag“ (Goethe). Jeder Moment unseres Lebens will uns einladen, in der Gegenwart Gottes zu leben. Die Gegenwart Gottes, die Urquelle des Lebens, will uns tragen und Kraft geben, persönlich nicht unterzugehen in schweren Zeiten, aber auch aufrütteln, unser Leben zu ändern, wo wir unser eigenes Leben, das der Anderen oder der Gemeinschaft zerstört haben. In jedem Moment unseres Lebens will Gott in das Haus eines jeden von uns eintreten.
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Und als Jesus an den Ort kam, blickte er auf und sah ihn und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilends herab; denn heute muss ich in deinem Hause einkehren! Lukas 19,5 |
Normalerweise leben wir in zwei verschiedenen Häusern: In einem schönen und in einem hässlichen. Wir haben ein Bild von uns und wie die anderen uns sehen sollen, ohne Fehler, mit Erfolg und allen gefällig sein. Das ist unser schönes Haus. Aber im Tiefsten wissen wir, dass wir Angst vor dem Tod, vor der Zukunft haben, Wut haben, mit der Sexualität oft nicht zurechtkommen und noch viele andere dunklen Seiten in uns haben. Das ist unser hässliches Haus. Dahinein verstecken wir alle die unangenehmen Dinge unseres Lebens, damit niemand diese sieht. Doch damit werden wir nie glücklich werden. Irgendwann kommen sie ans Tageslicht. Gott will in unser wirklic h e s H a u s mit allem, was wir haben und sind, eintreten. Freunde und Ehepaare wissen, dass eine wirkliche Beziehung nur dann besteht, wenn wir offen für einander sind und nichts verbergen. Wir nennen dies Liebe. Auch Gott will heute in unser Leben eintreten, so wie wir wirklich sind, nicht wie wir gerne sein mögen. Das kann unser Leben ändern, wie es das Leben des Zachäus geändert hat. Wenn etwas trägt in diesem Leben, so ist es die Erfahrung von Liebe, von Angenommensein. Es tröstet das Wort von Rabbi Chuza, der im Blick auf die letzte große Prüfung vor dem unbestechlichen Auge Gottes sagte: „Gott wird mich nicht fragen: warum warst Du nicht wie Mose oder David oder wie Salomo? Er wird nur fragen. Warum warst Du nicht wie Rabbi Chuza?“
Eine Künstlerin aus der norddeutschen Heide, Friedeborg Jungermann, schickte mir ihre kleine Geschichte als Freundschaftszeichen nach Brasilien. Den ganzen Vormittag war der kleine Engel schusselig. Dann verlor er auch noch beide Flügel, die er nicht richtig befestigt hatte. So fiel er vom Himmel, sehr, sehr tief und landete auf einer dicken kleinen Wolke. „Wo bin ich?“, rief der kleine Engel. „Du bist ganz nah bei der Erde“, antwortete ihm ein Stimmchen von der Nachbarwolke. Es war eine kleine Sternschnuppe, die auch vom Himmel gefallen war. „Ich werde gleich verglühen“, rief sie herüber. „Willst du meinen Schein haben, ich brauche ihn gleich nicht mehr“, rief sie noch. „Oh, ja, den kann ich mir um den Kopf winden“ –, antwortete der kleine Engel. „Was mache ich aber nur ohne meine Flügel?“, seufzte er. Da flog eine Friedenstaube vorbei. „Ich werde meine Taubenschwestern um Federn bitten“. So bekam der Engel neue Flügel. Und dann fiel ein beschriebenes Blatt vom Himmel, darauf stand der Name des Menschen, den der Engel beschützen sollte. Es war dein Name, der darauf verzeichnet war.
Gottes Gegenwart kann in vielfältiger Weise erfahren werden, durch Engel mit Flügeln und auch durch Menschen, die für andere Engel ohne Flügel werden können. Wer die liebende und auch herausfordernde Gegenwart Gottes in seinem Haus erfahren hat, beginnt, Bote dieser heilmachenden Erfahrung zu werden. Er kann nicht mit ansehen, wo Ungerechtigkeiten geschehen, wo Menschen wegen ihres Andersseins ausgegrenzt werden, wo Menschen Schweres erleiden und der Kosmos, das Haus des Schöpfers, zerstört wird.

Pfarrer
Walter Sass