In diesen Tagen besuchen viele Menschen den Friedhof. Friedhöfe – wie der Name schon sagt – sind Orte des Friedens, des Gedenkens, der Trauer – aber auch Orte der Hoff nung. Auf einem Grabstein steht geschrieben: „Meine Zeit steht in deinen Händen“. Dieser Vers aus Psalm 31 erinnert daran, dass ein Friedhof auch ein Ort ist, wo die irdische Zeit, die Uhr und der Kalender keine Rolle mehr spielen.
Da muss man sich fragen, warum wir – die Lebenden – so hektisch durchs Leben gehen. Wir rennen den ganzen Tag, die ganze Woche, das ganze Jahr, um unsere Vorhaben zu erledigen und trotz dem fehlt uns die Zeit. Wer jetz t einen Kalender vor Augen hat, wird sich vielleicht schon gefragt haben: „Mensch, wo ist dieses Jahr nur wieder geblieben?“
Tatsache ist, dass es nicht wenig Zeit ist, die wir haben: Es ist viel Zeit, die wir nicht nutz en! Die Zeit unseres Lebens ist sehr kostbar. Immer wieder hören wir den Satz : „Ich habe keine Zeit!“ Aber bedenken wir: Wer meint, nie Zeit zu haben, ist wie tot für das Leben. Sterben darum so viele Ehen, Familien und Gemeinden, weil man sich keine Zeit nimmt für das Miteinander?
Menschen unserer Zeit sind dauernd beschäftigt, kommen kaum zur Ruhe. Sie haben für Gott und die Kirche wenig Zeit übrig. Sie sehen den Ehepartner, ihre Kinder, den Nachbarn nur noch selten. Aber um ihnen nahe zu kommen, braucht man Zeit zum Gespräch. Liebe braucht Zeit, und Liebe hat Zeit. Wer keine Zeit hat, hat auch keine Zukunft, keine Ewigkeit. Ihn interessiert nur das Heute. Wer denkt in dieser hektischen Welt noch über sein gegenwärtiges Leben hinaus? Viele sagen sogar: „Mit dem Tod ist ja doch alles aus!“ Wirklich? Wie wohltuend ist es da, wenn der Psalmist betet: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Wer so betet, ist bereit, sein Leben vom Willen Gott es bestimmen zu lassen. Auch nach dem Tod. Er wird nicht sagen: „Ich habe keine Zeit“, sondern: „Herr, wie kann ich dir und meinem Nächsten mit meiner Zeit dienen?“
Es ist gut, wenn wir für jeden Tag einen Plan machen, aber noch besser ist es, wenn wir ihn Gott im Gebet vorlegen und damit einverstanden sind, dass etwas darin gestrichen oder eingefügt wird.
Gott hat uns Zeit gegeben, unser Leben, miteina n d e r und füre i n a n d e r zu leben. Wir können diese Zeit für unsere Lieben, unsere Freunde, Eltern, Kinder und auch für uns selbst nutz en – oder sie auch verpassen. Aber die Zeit kommt nicht zurück. Daher ist es so wichtig, sich Zeit für die anderen Menschen zu nehmen, solange sie noch bei uns sind. Denn es kann eine Zeit kommen, in der wir jede verpasste Minute bereuen.
Wenn wir an unsere lieben Verstorbenen denken, wollen wir oft die Zeit wieder zurückdrehen. Viele Menschen sagen, dass die Zeit alles heilen kann, auch die Trauer. Dazu erinnert sich der Pfarrer Wolfgang Gerts an ein Ereignis aus seiner Kindheit:
„Ich wollte die schönste Vase meiner Mutt er vom Schrank nehmen. Es war eine kostbare Vase. Sie stand ganz hoch im Schrank und dann ist sie mir runtergefallen und zerbrach auf dem Boden. Der Schreck war groß und ich hatt e Angst. Und ich als Kind fand keine andere Lösung, als zu versuchen, die Scherben zu sammeln und alles wieder zusammenzukleben. Sehr weit bin ich nicht gekommen. Es ging einfach nicht. Viele Splitt er waren viel zu klein. Aber wenn das bei einer einfachen Vase schon so schwer ist, wie schwer muss das bei einem zerbrochenen Herzen sein? Das geht doch gar nicht. Da gibt es doch keinen Klebstoff für! Meine Mutt er weinte damals ein wenig. Sie sagte: ‚Diese Vase war einmalig. Die gibt´s nicht wieder. ‘
Was wir an Menschenherzen zerbrechen, oder was uns zerbricht, so wie die Liebe zu einem Menschen, der stirbt, da muss man wohl zugeben: Kein Mensch kann das heilen. Es geht nicht.
Aber was kein Mensch kann, das kann Gott ! „Gott ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“ (Ps 34,19). Gott ist gerade dort, wo jemand zerbrochen ist. Gott sieht alle, die trauern, voller Liebe an, und Er will ihnen helfen.“
Wenn wir trauern, kann uns das trösten: Unser Leben und unsere Zeit stehen in Gott es liebevollen Händen.
Gott ! Unser Leben ist manchmal schwer. Wir brauchen dich, um zu verstehen, was nicht zu verstehen ist. Wir brauchen deinen Schutz . Wir brauchen dich, um Sinn zu fi nden, wo wir keinen Sinn mehr sehen. In unserem Kummer suchen wir Zufl ucht bei dir. Deine Liebe schütz e uns. Deine Barmherzigkeit tröste uns. Deine Hoff nung zeige uns den Weg zum Leben.
Theologe Jaime Jung